Samstag, 4. Oktober 2014

Vom Suchen und Finden des Schloss Goseck

Auf Schlössertour mit Bernhard Eder.
In den Hauptrollen:
Bernhard Eder - Singer / Songwriter
Yavuz Odabas - Filmer
Taper Jean Ally - Autorin / Fotografin

Nebenrollen:
Robert - Guter Geist von Schloss Goseck
Anna - Ebenso guter Geist


Tag II: Bad Goseck - Schlossschenke Goseck

Es hätte schon vorgestern klar sein müssen, dass diese Tour unter einem Stern steht, der sich zu Planänderungen, Verspätungen und Umleitungen hingezogen fühlt. Bereits die Akunft der Jungs verspätete sich um zwei Stunden, tagszuvor kam Peter als Mitmusikant in der alten Schlosserei zu spät, mein Auto musste kurzerhand zum Tourmobil erklärt werden und schon an diesem zweiten Tourtag wurden unvorhergesehenermaßen unsere Nerven und Kreativkünste auf die Probe gestellt. Es begann damit, dass ich unplanmäßig und unter wenig erfreulichen Umständen zum Arzt musste. Tabletten und Ruhe waren die Anweisung des Doktors nach längeren Untersuchungen. Da aber Ablenkung ebenso wichtig für die Genesung war, entschied ich mich, die Tour mitzufahren, jedoch würde der anstehende Videodreh auf Schloss Goseck für mich leider ausfallen. Bernhard und Odi trafen 14 Uhr im Kostümverleih "Garderobe" in Leipzigs Westen ein, mit dem Ziel ein Burgen / Ritter / Barden - entsprechendes Outfit für das neue Video zu finden. Es war wirklich eine bewusstseinserweiternde Erfahrung Bernhard in allerlei rüschig-buschigen Oberteilen und hauchzarten Beinkleidern zu sehen. Mein Vorschlag, es mit dem glitzernden langarm Body und passendem Pailettenfrack zu versuchen, wurde relativ kalt und argumentativ wenig schlüssig abgeschmettert. Nicht mittelalterlich genug. Pah! So machten Odi und ich uns über die heiteren Comickostüme her, probierten Monsterfäuste auf und wühlten uns durch den bunten Fundus. Es dauerte nicht lang, bis die Wahl Bernhards auf eine beige-okker-braun-farbene Reiterhose fiel, die durchaus auch als winterlich-wärmende, lange Unterhose durchgegangen wäre. Oder eben als Mittelaltertracht.
Einen HotDog später ging es zurück zu Peter, wo wir vor unserer Abreise noch liebevoll mit Pasta versorgt wurden. Parallel dazu versuchten wir so sinnvoll wie möglich die anstehenden Tage ohne mich aber mit meinem Auto zu planen. Marie, ein Ausbund aus Schauspieltalent, würde am kommenden Tag, in aller herrgottsfrühe, aus Wien eingeflogen kommen um in Bernhards Video mitzuspielen. Auch Regisseur Marcus, der aus Erfurt eintrudeln würde, musste irgendwie irgendwo eingesammelt werden. Der ursprüngliche Plan drei Nächte auf Schloss Goseck zu verbringen war dahin, da ich in jedem Fall noch am Abend des Konzerts zurück nach Leipzig fahren müsste um die folgenden Tage schwer gelangweilt im Bett zu verbringen. Es entstand eine längere Diskussion über die sinnvollste Nutzung meines Autos, zusätzlich sollte unsere CO2-Bilanz durch das meiden unnötiger Fahrten bestmöglich geschont werden. Falls jemand da draußen schon mal das Vergnügen hatte, etwas mit Meister Eder zu planen bzw. seinen generellen Hang zum permanenten Frohsinn kennt, weiß, dass dieses Gespräch mit zunehmender Dauer immer lustiger weil auf ederscher Seite immer verzweifelter wurde. Es war im Grunde denkbar einfach. Zum Konzert fahren, danach zurück nach Leipzig, mich zu Hause absetzen, morgens Marie vom Flughafen abholen (die Arme hätte übrigens allein auf den Zug Richtung Halle in etwa so lange gewartet, wie der Flug Wien - Leipzig dauert), Marcus einsammeln, Kaffee trinken, nach Goseck fahren, drei Tage Video drehen. Odi hat sich, weise wie er ist, rausgehalten, Bernhard bedachte die Situation und das Leben als solches mit Schimpfworten und ich lachte. Ca. 500 andere Möglichkeiten später, einigte man sich auf das zuvor beschriebene Modell um mit mittelmäßiger Verspätung aber immerhin frohlockendem Sonnenschein in Richtung Sachsen-Anhalt aufzubrechen.


Ganz dem aktuellen Retro- und Vintagewahn unterworfen, versuchten wir den Weg unter Zuhilfenahme eines Straßenatlas "Mitteldeutschland" des ÖAMTC aus dem Jahr 2007 zu finden. Zudem hatte ich den Weg eindringlich auf Google-Maps studiert. Konnte also nichts schief gehen. Die Ausfahrt war klar, der Rest sah nach einem Kinderspiel aus. Jedoch (man merkt schon, das wird jetzt der für jede gute Story essentielle Twist) wartete, nachdem wir wundervolle Hügel und Alleen passiert hatten, ein mit wilden Strichen verziertes Straßenschild auf uns, das mit dem Wort "UMLEITUNG" gebrandmarkt war. Trotz des Gefühls schon fast am Ziel zu sein, folgten wir pflichtbewusst der schildgewordenen Anweisung, welche klar machte: "...in die Richtung geht nicht mehr viel, Freunde." Es folgte eine einstündige, von Harmonie, Liebe und Zuversicht geprägte Fahrt quer durch das Saale-Unstrut-Tal. Alle Beteiligten brachten in immer kürzer werdenden Abständen ihr tiefempfundenes Glück über die von untergehender Abendsonne beschienen, nur spärlich bewachsenen Anhöhen, die sich vor uns entlang schlängelnd zu einer Art verschmelzenden Umgebung formenten, zum Ausdruck. Gelegentlich knuffte die herrliche Ahnung des Im-Kreis-Fahrens kameradschaftlich in die Seite, doch genossen wir die befreiende Kraft der blanken Ahnungslosigkeit. Es war wunderbar. Auch und allen voran, weil wir keinerlei Zeitdruck verspürten. Bis ans Ende unserer Tage hätten wir damit weitermachen können. Doch einigte man sich schließlich den Schlossherren des Abends, namentlich Robert, anzurufen, um ein oder zwei Insidertipps über den korrekten Restweg zu erfragen. Wir folgten seinen Instruktionen, obwohl schnell offenkundig war, dass unser genauer Aufenthaltsort auch ihm nicht klar war, drehten um, ließen Freyburg und das zunächst für Goseck gehaltene irrsinnig große Schloß der Stadt hinter uns, das neue Ziel Naumburg-Irgendwas fest im Blick. Knapp 20 Minuten später wiederholten wir das Spiel, bis Robert Farbe und Modell unseres Mobils erfragte, um uns entgegenzukommen. Bernhard merkte sich die Orte, welche es zu passieren galt ("...irgendwas mit...ach wenn ich's lese weiß ich's schon.") - Was erstaunlich wenig nutzte. Allen Widrigkeiten zum Trotz fanden wir und Robert schließlich zusammen. Glücklich und Zufrieden stiegen wir nicht mal eine Stunde vor Konzertbeginn am Schloß Goseck aus.

Lassen wir die vorangestellte Ironie mal beiseite. Dieses altehrwürdige Gebäude verdient Aufrichtigkeit. Besser gesagt, kann man gar nicht anders, als sich augenblicklich etwas ruhiger und gesetzter zu fühlen. Was für ein Gemäuer. Welch historisches Fleckchen Erde. Schon Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, besser bekannt als Frühromantiker und Philosoph Novalis, dichtete und schrieb am Rande der Schlossmauer, auf einer Bank im Schatten der Bäume sitzend, mit Blick auf ein weitreichendes, anmutig schönes Tal. Ebenso wie Bernhard, der hier knapp 5 Jahre zuvor das Lied "Sad Ballad Man" verfasste. Als wären jeder Grashalm, jeder Stein und jeder Winkel voller Inspiration, als warte hier etwas auf seine Entdeckung. An dieser Stelle sei mir die kurze Empfehlung gestattet, auf Google die Bildersuche zu bemühen. Es ist wirklich nicht zu beschreiben wie heilsam dieser Ort ist. Der Stress der letzten Stunden, eigentlich der des ganzen Tages, blätterte in Rekordzeit von uns ab. Auch dank Robert und seiner bezaubernden Frau Anna. Ich wurde selten von Fremden so herzlich und liebevoll-umsorgend aufgenommen. Außerdem ist ihm der lockere Umgang mit unserem Umleitungsfiasko hoch anzurechnen. Wie wir seinen Schilderungen entnehmen müssen, beginnt die der Umleitung zu Grunde liegende Baustelle erst eine Weile nach dem Abzweig zum Schloss. Im Klartext, wir hätten einfach nur ein paar Meter weiter fahren sowie ein- oder zweimal abbiegen müssen und wären dagewesen. Aber es war im Grunde auch viel lustiger mitzuerleben, wie nach und nach selbst besonnene Persönlichkeiten wie Odi an gewisse Grenzen stoßen bzw. wie man in solchen Extremsituationen trotzdem zusammenhalten kann, wenn es darum geht Bernhard ein wenig zu frotzeln.

Wir anektieren die renovierte Schlossschenke, checken die Akustik, sehen Robert beim Ausleuchten der Räumlichkeiten zu, überlegen uns gute Positionen zum Filmen und Fotografieren und erkunden anschließend nochmal kurz das Gelände. Bernhard gibt einem Abgesandten des Radiosenders MDR Figaro ein Kurzinterview und nutzt die spärlich verbleibenden Minuten zum Konzert mit Einspielen und Soundcheck. Die Akustik ist umwerfend. Schnell beschließt der Barde ein besonders ruhiges Set zu spielen. Genug Auswahl hat er ja im Repertoire.


Es wurde einer jener Abende, der alle erlebten Strapazen vergessen macht. Das Publikum ist aufmerksam, gespannt und interessiert, blickt gebannt auf unseren Barden. Der wiederum kreiert ein Set, welches sich perfekt an die äußeren Gegebenheiten anpasst. Ein weiteres Stück aus seiner Nibelungenvertonung wird den Zuschauern präsentiert. Allerdings hinter den Zuschauern. Diese wurden gebeten die Augen zu schließen, dem Text zu folgen und eine eigene bebilderte Geschichte vor dem inneren Auge zum Leben zu erwecken. Als Robert sich anschließend ein Lied wünschen darf, kommt es zur Reanimation des Covers "We Will Rock You" - ja, Bernhard Eder covert Queen. Wobei ans Original wirklich nur noch der Text erinnert. Dennoch gelungen und eine schöne Überraschung. Den Abschluß bildet ein weiteres Cover. Nick Draves "Place To Be" bei gedimmtem Licht. Man bemüht so oft die Floskel "Gänsehautmoment", hier ist sie angebracht. Das Publikum stimmt gegen Ende mit ein, summt einen sich wiederholenden Part und lässt Bernhard die Möglichkeit auf diesem Teppich die herrlich herzzerfetzendsten Klagegesänge anzustimmen. Mehr geht nicht. Ende. Aus. Alle glücklich.

Es gibt wieder Suppe. Für mich macht Anna sogar noch eine mediterrane Bratkartoffelpfanne warm. Sie ist ein Schatz. So wie dieser Abend.

Der Rückweg wird dank Roberts Wegbeschreibung denkbar einfach. Wir überlegen der Kommune insbesondere dem Bereich Verkehrswesen einen netten Brief zu schreiben oder ein Navi zu besorgen.

Bald mehr.









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