Freitag, 12. September 2014

Plattencheck: Lasse Matthiessen – Wildfires

Mit „Wildfires“ veröffentlicht der Wahlberliner Lasse Matthiessen am 12. September sein bereits viertes Studioalbum. Für das Fernsehformat TVNoir und dessen neugegründetes wie auch gleichnamiges Label ist es das erste Release. Passend wie selten etwas zuvor, sorgt selbstverständlich der Hemingway unter den TVNoir-Musikern, für einen Start nach Maß und scheint es den Beteiligten der beliebten Musiksendung schwer angetan zu haben.  

Eine rezensionsähnliche Vergleichs-Abhandlung über Musik, Literatur und Passion.

 

Das Lasse Matthiessen und TV Noir etwas besonderes verbindet, war schon kurz nach dessen Auftritt im März letzten Jahres klar. Verfolgt man die Facebook-Seite der Sendung aufmerksam (damals wie heute), so ist der charismatische Däne omnipräsent. Was nur logisch scheint. Ein schwarz-weiß Format und ein Mann, der sich selbst nur all zu gern im Fenster sitzend oder des Nächtens durch menschenleere Großstadtgassen spazierend sieht, mit sinnierendem Blick auf diese merkwürdige Welt. Und natürlich rätselt er dort in allen Schattierungen die schwarz, weiß und grau hergeben. So sind Träumer nun mal.
Überhaupt lässt die Verbindung TV Noir, Matthiessen und natürlich die über allem thronende Musik so viele Vergleiche, Assoziationen und Rückschlüsse zu, dass einem als Beobachter das hübsche Köpfchen platzen mag. Dabei münden all die weitläufig verzweigten Denkvorgänge immer wieder bei einem zeitlos kargen Stil, großer Literatur, tieftrauriger Lebensfreude und Alkohol.

Ohne zu sehr aus dem Nähkästchen zu plaudern, darf an dieser Stelle verraten werden, welch große Sympathien Matthiessen für Nobelpreisträger Hemingway hat. (Exkurs: Ein Umstand, der auch der Tatsache geschuldet ist, dass Matthiessen sich Literaturtipps von ausgewiesenen Experten, im Fachjargon Bibliothekarinnen genannt, holt. Was die Autorin an dieser Stelle, rein zufällig, aber doch mit Nachdruck dazu bringt, allen Lesern zu empfehlen, wieder mehr in die Literaturtempel ihrer jeweiligen Stadt zu pilgern.) Überhaupt ist da diese Anziehungskraft hin zu Schriftstellern, die Paris so sehr zu schätzen wussten wir er selbst und trotz ausschweifendem Lebensstil für einen klaren, schlichten und doch melancholisch-gefühlvollen Ausdruck bekannt waren. Schon das letzte Werk des Dänen war mit Referenzen auf Fitzgerald und diese generelle Liebe zu wahrhaft großer Literatur versetzt. Wie es der Teufel des Weiteren so will, lässt sich das von Hemingway geprägte Eisberg-Modell ohne Weiteres auf die kryptische Schönheit Matthiess'scher Texte anwenden.

„Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.“ (Ernest Hemingway)

Die Kunst, so kann man sagen, besteht also darin, mit wenigen Worten so viel als möglich zu transportieren und wer es auf ehrliche und aufrichtige Art und Weise zu tun vermag, der wird verstanden, weil er einem Gefühl statt gibt, das fernab von reinen Wortbedeutungen verspürt werden muss. Matthiessen tut dies, auf drei Vorgängeralben, ebenso geschickt wie auf Wildfires - ohne Anstrengung, ohne zu Wollen, ohne Erzwingen. Er kann es einfach.



Bedenkt man die immer wiederkehrenden Thematiken und die vielen Details, die eher autobiographisch als erdacht klingen, versteht der TVNoir-Schützling so einiges vom Verschwenden und (sich) Verlieren in den Nächten und ihren Überresten, von der Liebe mit all ihren tragisch(-schönen) Auswirkungen und der dazu passendsten Stadt, den kühlen Jahreszeiten, vom Festhalten und Loslassen, vom Abdriften und den dazugehörenden Gründen und immer wieder vom Beobachten. Er ist aufmerksamer Metropolenbewohner. Als eben dieser feine Beobachter zeichnet er ein Selbstportrait und doch auch immer wieder das Leben Vieler nach. Da finden sich keine langen Strophen, zuweilen nichtmal ganze Sätze, bei Lasse Matthiessen verwandeln sich knappe, skizzenhafte Lyrics in ein Grundgefühl. Hier geht es um Passion, um Erlebtes, um (verlorene) Hoffnung und Träume. Die diffusen Handlungen sind in der Lage einen Subtext zu kreieren, der mit jeder Silbe eine  unbändige, assoziative Kraft im Kopf des Hörers freisetzt.

"Hopkins and Hemingway
I wonder what they’d say
Are some meant to stray?"
(Here With Me Tonight)

Zudem packt Matthiessen mehr Druck in die 12 Stücke, lässt dieser verschlafenen Stimme die Möglichkeit den richtigen Moment an sich zu reißen, zu fordern, zu verlangen was es zu verlangen gilt und verabschiedet sich summa sumarum zusammen mit seiner exzellenten Band vom Singer/Songwriter Image. Die Gitarren bauschen und türmen sich auf, wie das Meer vorm alten Mann. Dann wieder tänzeln sie nur sachte wie Wellen um eine Strophe, bereiten etwas Größeres vor. Denn nach dem geschlagenen Spannungsbogen kracht der Sound des Bandgewölbes regelrecht rockig auf den unbedarften Hörer ein. Gerade im Vergleich zu den stark reduzierten Liedern, die man zuletzt von Matthiessen präsentiert bekam, macht „Wildfires“ seinem Namen alle Ehre. Auf jeden Fall ist es ein bisschen Indie, ein bisschen Folk, ein bisschen Rock und ein bisschen sehr verdammt gut. Um alles abzurunden seien noch die jazzigen, besonders zarten Schlagzeugspielereien erwähnt, die wie Farbtupfer auf einem Bild, nur vage etwas andeuten möchten. Und dann ist es eben doch wieder eine typische Lasse Matthiessen Platte. Allen voran dank der klaren Songstruktur, die die kleinen Details mit Hang zur großen Wirkung erst entfalten lässt, aber eben nie überladen, nie großspurig angepoltert kommt und natürlich Lasses alles durchdringender Melancholie, im Fenster sitzend, die Welt betrachtend, in schwarz und in weiß.

Fazit:
Hemingway wird der Satz unterstellt: "A man's life, truly told, is a novel". Oder wie in Lasses Fall eben ein weiteres, durch und durch empfehlenswertes Album, auf dem ein (Ex-) Singer-Songwriter seinen Fans eine völlig neue Seite präsentiert und sich selbst neue Anhänger bescheren wird. Verdient wäre es allemal.


Tourdaten:
20.10. Hamburg - Astra Stube
21.10. Dresden - Kino in der Fabrik / Schwarzer Salon
23.10. St. Gallen (CH) - Grabenhalle
24.10. Zürich (CH) - KafiFuerDich
25.10. Stuttgart - Merlin
26.10. Berlin - Roter Salon

Infos:
Homepage
Facebook
TV Noir


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