Freitag, 26. September 2014

Der Herr der Schlösser und die Gefährten

Auf Schlössertour mit Bernhard Eder.
In den Hauptrollen:
Bernhard Eder - Sänger 
Yavuz Odabas - Filmer
Taper Jean Ally - Autorin / Fotografin

Nebenrollen:
Peter Piek - Künstler / Herbergsvater
Frank - Veranstalter der Schlössertour


Tag I: Leipzig - Alte Schlosserei

Es ist eindeutig soweit. Der Herbst hilft dem Sommer noch wie ein Kavalier der alten Schule in die Jacke und verabschiedet ihn teils stürmisch, teils regnerisch aus 2014. Die Leipziger Volkszeitung krönt dieses (für viele) dramatische Ereignis auch noch mit der Ankündigung für den "traugrigen Singer/Songwriter" Bernhard Eder - bipolare Glückseligkeit aber nichts für Menschen mit Lebenserhaltungsdrang.

Für uns hingegen beginnt die Tour frei von depressiver Stimmung, ja nahezu entspannt. Ich verbringe den Tag mehrheitlich im Bett, lasse mich nur über kurze Telefongespräche unterrichten wie die Planung der Herren läuft. Kostüme müssen noch aufgetrieben werden, ein paar Ideen gesammelt und Vorbereitungen für den bald anstehenden Videodreh getroffen werden. Bernhard klingt dennoch gestreßt, presst ein gehetztes "Hallo" ins Telefon. Auf meine Frage, ob es gerade ungünstig wäre, da doch eine gewisse Eile in seiner Stimme erkennbar sei, erhalte ich neiderregende Ausführungen über gedeckte Kaffeetafeln, Kuchen und auf Ebay ersteigerte Heftchen mit einem unverschämt gutaussehenden Paul McCartney auf dem Titel. Entspannung pur also in der Casa Piek, wo Barde und Kameramensch untergebracht sind.
Das sah am Abend zuvor noch anders aus. Mit zwei Stunden Versprätung erreichen 2/3 der Reisegemeinschaft das Ziel Leipzig. Das heißt, den Bahnhof der Leipziger Messe. Selbst als Eingeborene war das Auffinden dieses ICE-Halts in der Dunkelheit für mich eine unerwartete Herausforderung, hatte ich doch naiverweise Hinweisschilder, die zumindest grob in die richtige Richtung deuten, erwartet. Hier verkürzt dargestellt: Zur Messe fahren, falsche Ausfahrt erwischen, Richtungswechsel, Richtungswechsel, korrekte Ausfahrt wählen, zum Messegelände gelangen, auf dem Messegelände feststellen, dass der Bahnhof nicht auf der Messe zu finden ist, umdrehen, nach Wiederitzsch fahren, das Handy fragen, Handy wegwerfen, Menschen fragen, Parkplatz endlich finden, mit Fremden gemeinsam auf Suche nach dem Zugang zum Bahnhof begeben...Bernhard und Odi wuchten nach guten 11 Stunden des Unterwegsseins ihre Habseligkeiten in meinen matchboxgroßen Silberpfeil. Die Freude über das Wiedersehen ist trotz Strapazen groß. Man kennt und schätzt sich.
Die erste Überraschung wartet bei Herbergsvater und Universal-Künstler Peter Piek. Bernhard zwingt mich wie eine Fünfjährige an Weihnachten die Augen zu schließen. Fest zumachen und die Hände davor halten. Ich werde ohne zu blinzeln mehrmals ermahnt, nicht zu schummeln. Es wird etwas auf den Boden geworfen, während ich aufgefordert werde, einen Schritt nach vorn zu wagen. Als ich die Augen öffne, stehe ich auf einer Fußmatte mit Kassettenprint. Ein Geschenk des Barden für meine neue Wohnung. Wunderbar. Und so fügt sich noch an diesem Abend alles in die richtigen Bahnen.

Das erste Konzert der Schlössertour führt uns in die Südvorstadt Leipzigs. Etwas versteckt, abseits des wuseligen Treibens, findet man die Alte Schlosserei. Dort begegnen wir Frank zum ersten Mal. Das heißt, Bernhard kennt Frank bereits, der im Großen und Ganzen für den Ablauf der gesamten Tour verantwortlich ist. Für Odi und mich wird es eine neue Bekanntschaft, eine der angenehmen Art. Frank gehört zu der Sorte Mensch, die man sofort mögen muss. Etwas Ruhiges und Besonnenes geht von diesem bärtigen Mann aus, etwas, dass man schnell zu schätzen weiß.


Die Kulisse hat mit den angekündigten Schlössern zwar noch nicht viel zu tun, jedoch wird schon hier das Konzept der Veranstaltung klar. Erst wird in gemütlichem Ambiente unplugged musiziert und anschließend zu Tisch gebeten. Herrlich leckere, ganz dem Herbst angepasste Suppen werden kredenzt. Ein festes Stammpublikum hat sich etabliert. Es ist jenseits der 40 angesiedelt. Bereits vor fünf Jahren spielte Bernhard die einst "nur" drei Stationen umfassende Schlössertour. Auch damals bestand das Publikum eher aus älteren Semestern und wir alle freuten uns auf diese (für Odi und mich) neue bzw. erneute Erfahrung.

An diesem Abend begegnet uns ein Satz, der die Tour prägen wird. Er trägt die niederschmetternde Wirkung der Worte eigentlich und sonst in sich. Einige der Stammgäste hatten für das Konzert abgesagt. Schade, denn eigentlich sind diese monatlichen Ereignise ein absolutes Muss. Jaja...sonst ist immer voll. Doch die kleine Küche in der wir später alle zusammen sitzen ist angenehm gefüllt. Zwar sind nur knapp 12 Zuschauer anwesend, doch sie genießen sichtlich, sind aufmerksam, dem Künstler wohlgesonnen. Also alle bis auf Peter. Denn der Sidekick des Abends, Peter Piek höchstpersönlich, tut das was er am besten kann. Eder-Bashing. Aber natürlich sind die Zwischenrufe allesamt lustig und lockern die Stimmung auf. Schon zu Beginn, als er von Bernhard gebeten wird das läutende Handy auszustellen, geht er mit den Worten "Nee, dass ist dringend." ran und verlässt den Raum kurzfristig. Als er zurück kommt witzeln wir noch über die möglichen drakonischen Strafen von Konzertbesuchern mit eingeschaltetem Mobilfunk, doch die Musik und das sanfte Lächeln einiger Zuschauer lässt augenblicklich Ruhe einkehren. Vor allem eine von Bernhards Vertonungen der Nibelungensaga findet große Begeisterung. Gegen Ende schreitet Peter zum großen Auftritt am Glockenspiel. Er wird das Solo im Song "With My Head In Hands" spielen. Die Hälfte des Solos ist gerade absolviert als sein Handy aufs Neue zu klingeln beginnt. Peters Klingelton ist ein eingespieltes Gitarrensolo eines seiner Songs. Was soll ich sagen? Es ergänzt den Song perfekt.





Zwei Zugaben wird Bernhard zum Besten geben. Ein gemütlicher Tourstart, den eine Suppe, die irgendwas mit Curry und Kohlrabi zu tun haben soll, abrundet. Odi und ich kommen überein, dass Brot etwas Tolles ist. Sogar das Wort Liebe fällt. Diese Erkenntnis wird sich in den kommenden Tagen noch verstärken. Aber dazu ein anderes Mal.
An der Tafelrunde kommen sich Künstler und Publikum sichtlich näher. Ein junges Paar ist begeistert von der Ederschen Musik und so wird freudig drauf losgeplauscht. Über Musik, Berlin, das Leben auf Tour. Überhaupt ist das Küchenambiente unschlagbar, alle Blicke die sich hier treffen haben etwas neugierig-freundliches. Ein Auftakt nach Maß und der wohl pannen- und stressfreiste Tag der gesamten Reise.

1 Kommentar:

  1. So ein schöner Bericht - fast schon ein bisschen wie Mäuschen spielen dürfen :)

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