Freitag, 11. Oktober 2013

Plattencheck: Peter Piek - Cut Out The Dying Stuff

Erinnern Sie sich noch an Pop aus Deutschland, der nicht nach Plastik und Konserve klingt? An einen Moment, an dem Sie sich gefreut haben, dass das was als „Hit“ im Radio lief irgendwo um die Ecke mit sowas wie Liebe oder zumindest ohne 0815-Absahn-Masche produziert wurde? Kennen Sie englischsprachige Popstücke deutscher Künstler, die weder aufgesetzt noch selbstgefällig klingen oder nicht derart runterkopiert und auf Belanglosigkeit getrimmt, einem nicht mal mehr weh tun? Ich nicht. Wer derartiges sucht, wird im täglichen Gedudel großer Radiostationen kaum fündig, selbst im Mainstream-Abseits wird's schwierig. Peter Piek kreiert mit seinem aktuellen Album Cut Out The Dying Stuff ein vor eigenwilliger Schönheit sprühendes Wunderwerk und gibt mit dem Titel gleich noch die Parole an. Nur schnell weg mit all den absterbenden Resten.
Left Room heißt das Stück, welches die wundersame Wirkung des Tonträgers und Peter Pieks erklärt. Jenem Multifunktionskünstler (Maler, Autor), der immer ein bisschen verloren wirkt auf der Bühne, der auf der Größe eines Basketballspielers das jugendliche Aussehen eines nie Alternden verteilt und dessen Stimme zunächst so gar nicht zu seinem Erscheinen passen mag. Es gleicht einem Gaucklerspiel, was der Zuschauer bei Live-Auftritten zu verarbeiten hat. Doch bis das Ohr verarbeitet was das Auge erblickt, haben sich die eingängigen Melodien infolge ihrer schieren Sogkraft über das Gemüt verteilt. Gebrächlich wirkt der Gesang, vereinzelt gleicht es mehr einem zirpen. Was zu den Geschichten, den vielen kleinen bunten Farbtupfern des Lebens von denen Piek berichtet nur all zu perfekt passt. Er bringt die Melancholie der Schönheit in teils aufwendigen arrangierten Songstrukten auf den Punkt. Dazu zaubert der gebürtige Chemnitzer Stücke aus den Ärmel seiner von Ari Fuchs designten Hemdärmel die dank ihrer brutalen Einfachheit bis ins Mark fahren (Brooklyn Lullaby), mit der Absicht, dort für sehr lange Zeit zu verweilen.
Und als wäre die stimmungsvoll variierende Kraft die der Langspieler zu bieten hat nicht schon genug, erschafft Peter Piek zusammen mit Hypertrashwonderland auch noch die passenden Realitätsfluchtpunkte. Musikvideos, gemacht von Kreativköpfen, Freunden, Verrückten für Mitmenschen, die sich gerne mal hineinfallen lassen in das Andere, das Überraschende, in eine Welt aus Blitzen, Wolkenmeeren und Farbdetonationen.



Cut Out The Dying Stuff ist ein aus elf Liebeserklärungen bestehendes Geschenk  an das Dasein. Verpackt von einem, der fesselt ohne festzuhalten. Die Reise, die Geschichten, die Liebe gehen immer weiter und Peter Piek samt seiner ansteckenden und mitreißenden Unbeschwertheit werden uns davon etwas abgeben. Etwas, dass seinen Platz findet und bleibt, sei es als Melodie, Text oder eines seiner Gemälde. Hauptsache es bleibt.

Fazit: Untergrundpop voller detailverliebter Spielereien und in dieser Kategorie ohne jeden Zweifel das Album des Jahres. Auch der vergangen Jahre und bis etwas neues kommt auch aller Folgenden. Besticht Pieks Art des Songwritings doch durch etwas, was schmerzlich in allen Bereichen die das pure Existieren betreffen, so oft von vielen vermisst wird: den aufrichtigen Mut zwischen Realität und Illusion keinen Unterschied zu machen.

Mehr über Peter Piek auf Facebook, Bandcamp sowie seinem Zentrum für Kultur.

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